SitecoreAI: AI im Content-Lifecycle der DXP

SitecoreAI
Wie die neue DXP-Generation AI tief in den Content-Lifecycle integriert
Das Thema AI-Integration treibt aktuell praktisch alle CMS- und DXP-Hersteller um. Fast jedes System bietet mittlerweile integrierte Möglichkeiten, AI-gestützt Texte und Bilder zu generieren, zu optimieren oder zu variieren.
Einige CMS- und DXP-Hersteller gehen das Thema nun jedoch grundsätzlicher an. Sie verstehen AI als Sparringspartner im gesamten Content-Prozess: von der Ideenfindung über Erstellung und Variantenbildung bis hin zu Optimierung, Lernen und Wiederverwendung. AI wird damit von der bloßen „Textmaschine“ zu einem Werkzeug, das Teams durch den kompletten Lebenszyklus von Content begleitet und genau dort Reibung reduziert, wo Marketing heute am häufigsten ausgebremst wird.
Als langjähriger Sitecore-Partner und jemand, der viele DXP-Projekte auf Kundenseite begleitet hat, sehe ich darin strategisch einen sehr richtigen Schritt. Gleichzeitig halte ich es für wichtig, die Entwicklung realistisch einzuordnen. AI wird auch mit SitecoreAI keine Komplexität „wegzaubern“. Aber sie kann die größten Reibungsverluste und Herausforderungen in der Content-Produktion und -Auslieferung deutlich reduzieren.
In diesem Artikel möchte ich eine erste pragmatische Einordnung geben: Was ist an SitecoreAI wirklich neu? Wo entsteht schnell Mehrwert? Und welche Risiken sollten Marketer im Blick behalten, wenn sie das Thema produktiv in ihre Arbeit integrieren wollen?
Was SitecoreAI ist
SitecoreAI heißt die neue DXP von Sitecore. In SitecoreAI wird eine vollständige AI-Ebene in die Sitecore DXP integriert, die als gemeinsamer Layer über den bisherigen composable Bausteinen liegt und AI-Funktionen, Kontext und Steuerung über mehrere Komponenten hinweg verfügbar macht. Sie ergänzt die bisherigen SaaS-Produkte nicht einfach um einzelne Generierungsfunktionen, sondern stellt eine gemeinsame Schicht bereit, über die AI-Funktionen, Kontext und Steuerung über mehrere Sitecore-Komponenten hinweg genutzt werden können.
Um das einzuordnen, hilft ein Blick auf die Architektur, wie viele Sitecore-Kunden sie heute nutzen: Inhalte werden in Sitecore XM Cloud erstellt, Assets in Sitecore Content Hub organisiert. Personalisierung und Experimentation laufen typischerweise über Sitecore Personalize. Je nach Ausbaustufe kommen weitere Bausteine für Zielgruppen, Insights und Analysen, wie Sitecore CDP hinzu.
SitecoreAI setzt genau an dieser composable Struktur an und verbindet diese Komponenten über eine gemeinsame AI-Schicht. Dazu gehören insbesondere:
Agentic Studio als zentrale Oberfläche und Baukasten, um AI-gestützte Workflows zu nutzen und zu konfigurieren.
Vorkonfigurierte AI Agents, die typische Aufgaben im Content- und Erlebnisprozess unterstützen, sowie die Möglichkeit, eigene Agenten zu definieren.
Brand Intelligence / Brand-aware AI, um Markenregeln, Tonalität, Terminologie und No-Gos als Kontext für AI-Ausgaben und Empfehlungen zu verankern.
Agents API und Integrationsmechanismen (z. B. Connect/Marketplace), um AI-Funktionen über Schnittstellen in bestehende Prozesse, externe Systeme und individuelle Anwendungen einzubinden.
Damit wird SitecoreAI zu einem verbindenden Layer, der AI entlang der gesamten Content-Lifecycle-Kette verfügbar macht – von der Erstellung über Varianten, Freigaben und Ausspielung bis hin zu Optimierung und Wiederverwendung.
Warum ich den Ansatz grundsätzlich für stark halte
Was mir an SitecoreAI gefällt, ist die Konsequenz, mit der Sitecore AI als Plattformlogik denkt.
Viele AI-Initiativen im MarTech-Umfeld starten bei den offensichtlichen Dingen: Texte generieren, Übersetzungen beschleunigen, Tonalität anpassen. Das ist nützlich, verändert die Arbeitsweise im Marketing aber nur begrenzt. Der eigentliche Engpass in vielen Organisationen liegt nicht darin, dass niemand einen Text schreiben kann. Er liegt vielmehr im Zusammenspiel aus Abstimmung, Freigabe, Variantenbildung und Geschwindigkeit.
Hier setzt Sitecores Fokus auf brand-aware AI an. Gemeint ist damit nicht einfach „AI im Corporate Wording“, sondern ein Paradigma: AI soll die Content-Produktion so unterstützen, dass Tonalität, Terminologie, Stilregeln, Claims und No-Gos einer Marke von Anfang an berücksichtigt werden – idealerweise automatisch, nachvollziehbar und konsistent über alle Teams und Kanäle hinweg. Genau diese "Markenintelligenz" ist bei SitecoreAI mehr als ein nettes Zusatzfeature und wird letztlich zu einer zentralen Voraussetzung dafür, dass AI in größeren Organisationen überhaupt produktiv und verantwortbar eingesetzt werden kann.
In größeren Organisationen arbeiten viele Teams an vielen Touchpoints – oft mit externen Partnern und auf unterschiedlichen Märkten. In der Praxis führt das häufig zu einer schleichenden Verwässerung der Marke. Wenn SitecoreAI dabei hilft, Markensprache und Regeln systematisch in die Content-Erstellung zu integrieren, ist das kein Nice-to-have, sondern ein echter Skalierungshebel.
Hilfreich ist dabei auch der agentenbasierte Ansatz von SitecoreAI. Dahinter steckt die Idee, dass AI nicht nur Vorschläge macht, sondern innerhalb definierter Leitplanken Aufgaben autonom übernimmt und Prozesse aktiv vorantreibt.
Langfristig ist das genau der Schritt, der Produktivität wirklich verändern kann. Weil durch AI viele wiederkehrende Aufgaben in Content Operations und Optimierung strukturiert und automatisiert werden können – und Teams dadurch schneller von der Idee zur Umsetzung und von der Umsetzung zur Verbesserung kommen.
Wo in der Praxis schnell Mehrwert entstehen kann
Wenn ich mit Digitalmarketing-Teams auf Kundenseite über die Potenziale von AI im MarTech-Stack spreche, folgt auf die anfängliche Begeisterung für die Vision im Alltag oft eine gewisse Ernüchterung. Die entscheidende Frage lautet dann: Was bringt in den nächsten Wochen oder Monaten spürbaren Nutzen – und was bleibt (noch) eher strategische Perspektive? Kurzfristig sehe ich in SitecoreAI vor allem dort Potenzial, wo Marketingorganisationen heute messbar Zeit verlieren. Ein typisches Beispiel ist die Erstellung von Varianten. Viele Teams entwickeln einen sehr guten „Master-Content“, schaffen es aber nicht, die notwendige Anzahl an Varianten zu produzieren, zum Beispiel für unterschiedliche Zielgruppen oder Märkte, aber auch für verschiedene Kanäle und Use Cases. Nicht, weil es niemand könnte, sondern weil es schlicht zu viel Arbeit und zu viele Schleifen sind. In vielen Organisationen sind Content-Erstellung, Ausspielung, Analyse und Optimierung organisatorisch getrennt. Inhalte werden häufig von Fachabteilungen und Produktverantwortlichen zugeliefert, während die Optimierung für SEO, GEO, Zielgruppen und Märkte im Digitalmarketing erfolgt. Diese Brüche führen dazu, dass Potenziale für Personalisierung und Experimente oft nicht ausgeschöpft werden. In vielen DXP-Projekten wird genau deshalb die PS nicht auf die Straße gebracht. Wenn SitecoreAI hier unterstützt, den Kreislauf enger zu schließen und schneller aus Daten, etwa aus A/B-Tests oder vergleichbaren Kampagnen, Empfehlungen abzuleiten und diese neue Varianten zu überführen, entsteht ein spürbarer Vorteil.
Die Risiken: Worauf ich heute sehr genau schauen würde
So konsequent ich den Ansatz finde, so wichtig ist ein realistisches Erwartungsmanagement. Der erste und häufigste Stolperstein in DXP-Projekten ist die Datenbasis. Ohne saubere Daten gibt es keine belastbaren Empfehlungen und keine datenbasierte Optimierung. Wenn Tracking, Events, Zieldefinitionen oder Audiences nicht sauber aufgesetzt sind, wird AI nicht plötzlich bessere Entscheidungen treffen. Im Zweifel macht sie lediglich schneller Vorschläge, die sich gut anhören, aber keine Wirkung entfalten. Das ist keine Schwäche von Sitecore, sondern ein grundsätzliches Thema. Gerade deshalb ist es sinnvoll, ähnlich wie bei Personalisierungsprojekten, zunächst bewusst „klassisch“ zu starten, um eine fundierte Baseline für spätere Optimierungen aufzubauen. Der zweite Punkt ist Governance. Je „agentischer“ ein System wird, desto wichtiger werden klare Leitplanken. Wer darf was? Welche Outputs sind freigegeben? Wie werden Ergebnisse geprüft? Wie bleibt das Ganze auditierbar? Wenn Governance nicht von Anfang an mitgedacht wird, entstehen erfahrungsgemäß zwei Extreme: Entweder nutzt niemand die Funktionen, weil das Risiko als zu hoch eingeschätzt wird, oder es entsteht Wildwuchs, weil jeder irgendetwas ausprobiert. Beides ist problematisch. Und beides lässt sich vermeiden, wenn Governance als wesentlicher Bestandteil des Content-Lifecycles verstanden wird. Der dritte Punkt betrifft die Organisation. Copiloten, die Vorschläge machen, sind vergleichsweise leicht zu akzeptieren. Agenten, die Aufgaben eigenständig ausführen, sind eine andere Kategorie – insbesondere für größere Organisationen eine ganz andere Herausforderung. Dies erfordert angepasste Freigaben und Verantwortlichkeiten und vor allem eine Kultur, in der kontrolliert experimentiert werden kann.
Fazit
Ich halte SitecoreAI für einen sehr guten Schritt von Sitecore, weil damit nicht nur einzelne AI-Funktionen ergänzt werden, sondern die Entwicklung der DXP konsequent auf AI-Unterstützung hin weitergedacht wird. Der Erfolg dieses Weges wird davon abhängen, wie gut sich die Lösung im Alltag großer, internationaler und dezentral organisierter Teams bewährt. Entscheidend wird sein, ob Governance- und Brand-Themen so gelöst sind, dass Teams produktiv arbeiten können – und ob Unternehmen tatsächlich schneller von Content zu messbarer Wirkung kommen. Für Sitecore-Kunden ist das eine echte Chance, die Potenziale der DXP deutlich besser auszuschöpfen: mehr Varianten, schnellere Iteration und eine schnellere Wirkkontrolle.
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